Europäische Schwarze Witwe:

Wer glaubt, dass es nur in Nordamerika schwarze Witwen gäbe, irrt. Es gibt auch eine europäische Art. Die Latrodectus tredecimguttatus, früher auch oft als Malmignatte bezeichnet. Lange galt sie wohl als Unterart der amerikanischen Verwandten, inzwischen ist sie aber als eigene Art anerkannt.

Der Biologe und Photograph Gernot Kunz hat mir dieses Foto zur Verfügung gestellt. Ein Exemplar lebt zur Zeit bei ihm in seiner Küche in Österreich - in einem entsprechenden Terrarium und es wird regelmässig mit Heuschrecken gefüttert und die kleine schwarze Schönheit hat den Aufstieg zu einem echten Shootingstar geschafft.

So schön gefleckt auf dem platifiziert aussehenden Hinterteil ist sie aber inzwischen nicht mehr - sie hat sich inzwischen in Gernots Küche gehäutet und ist total schwarz geworden! Irgendwie mag sie wohl dem Ruf als rumänisches "Next Top-Spider-Model" nicht mehr folgen.

Das Wort "tredecimguttatus" bedeutet soviel wie 13-fleckig/getüpfelt. Allerdings ist der Name verwirrend, denn es gibt mehrere Varianten. Einige sind offenbar auch schlicht und elegant schwarz. Oder werden schwarz. Wie das Exemplar in Gernots Küche.

In Europa ist sie im mediterranen Gebieten zu finden, aber auch in Rumänien. Sie liebt warme, offene Ruderalflächen und trockenes Grasland.
Die Tredecimguttatus baut bodennah ein Haubennetz, in dem sie den größeren Teil des Tages verbringt. Ihre Beute besteht hauptsächlich aus mittelgrossen bis grossen Arthropoden, seltener auch kleine Wirbeltiere wie Eidechsen.
Das Männchen sucht das Weibchen auf, oft schon, bevor es paarungsbereit ist und wartet. Es hat ein seltsames Verhalten, das man sich noch nicht erklären kann: es spinnt kurz vor der Paarung dem Weibchen die Vorderbeine zusammen. Das muss aber wohl eher eine symbolische Bedeutung haben, denn das Weibchen kann diese Fäden ohne Probleme lösen und sich dennoch aufs Männchen stürzen, um es nach der Paarung zu verspeisen, so wie das viele Spinnen tun. Aber auch bei dieser Spinnenart gelingt dem Männchen oft vorher noch schnell die Flucht.

So weit, so gut. Aber was alle ja immer alle wissen wollen, wenn sie schwarze Witwe hören, ist, wie giftig sie nun eigentlich ist: so giftig wie die Nordamerikanische?

Die Tredecimguttatus hat ein starkes Gift, das neurotoxisch (also als Nervengift) wirkt und starke Krämpfe bis zum Atemstillstand auslösen kann. Jedoch sind Todesfälle sehr selten. Wie auch bei anderen Tieren, die stechen, beissen oder zwicken, hängt es sicher auch von dem Grundgesundheitszustand der Person ab. Der eine überlebt ohne Probleme das, was den anderen dahinrafft. Wie bei einem Wespenstich sind v.a. Allergiker und Babys diejenigen, denen so ein Biss wirklich lebensgefährlich schaden kann. Die Tiere sind jedoch sehr beissfaul und überhaupt nicht aggressiv. Man muss sie schon sehr ärgern, so dass sie sich wirklich bedrohen fühlt. Auch könnte sie einen Finger, den man ins Netz hält, für Beute halten.

Und streng genommen sind ja mehr oder weniger alle Spinnen giftig. Jede Spinne betäubt ihre Beute mit einem Gift und saugt sie dann aus. Tatsächlich hat nur eine Spinnenfamilie mit weltweit 262 bekannten Arten (Uloboridae) keine Giftdrüsen (Spinnenforum-Wikipedia). Viele Spinnen kommen jedoch nicht durch die dicke Menschenhaut hindurch und nicht alle benutzen ihre Gift zur Verteidigung. Aber was heisst auch schon "giftig"? Ich kenne so einige Menschen, die sind wesentlich giftiger als jede Spinne....

Von der Tarantel gestochen: Wenn die Italiener die "Tarantella" tanzen, dann kommt das von den Menschen, die früher, von der Tarantel gestochen, wie die Bekloppten tanzten. Oder so ähnlich. Die Tarantella ist ein wilder, schwungvoller Tanz. Die Spinne, die den Biss dazu gegeben haben soll und die Menschen so hat durchdrehen lassen, dass sie stundenlang im wilden Tanz umherwirbelten, ist aber, wenn an der Geschichte überhaupt was dran ist, aber nicht die Tarantel (Lycosa tarentula), sondern vermutlich die schwarze Witwe. Bloss ist die so klein, dass man sie kaum wahrnimmt, die Folgen ihres Bisses spürt man meist erst Stunden danach, wogegen die Tarantel in Grösse und Aussehen schwer beeindruckt.

Aristoteles wusste noch besser besser Bescheid über die Unterschiede der Spinnen als die Menschen im Mittelalter und unterschied zwischen Malmignatten (Latrodectus mactans tredecimguttatus) und Taranteln.

1536 erwähnte ein italienischer Wissenschaftler/Arzt den Begriff des "Tarantismo", als eine durch Tanzwut gezeichnetes Krankheitsbild. Aber schon zwei Jahrhunderte vorher kursierte der Aberglaube der giftigen Taranteln. Man liess von Latrodectus Gebissene bis zur Erschöpfung tanzen und schwitzen. (Quelle: Günter Schmidt, s.u.)

Wenn heute jemand von der Tarantel gestochen aufspringt, denkt aber kein Mensch mehr weder an die Tarantel, noch an eine schwarze Witwe und erst recht nicht ans Tanzen. Man holt eher seinen psychologischen Taschenratgeber heraus.

Literatur und Links:

Günter E.W. Schmidt: "Wie gefährlich sind Spinnenbissvergiftungen wirklich?" in: Natur und Museum, 117 (7), 1.7.1087, S. 197-207. Gibt eine ausführliche Übersicht über die unterschiedlichen Spinnengattungen und ihrer Gifte und Giftigkeit.

Horst Stern und Ernst Kullmann, Reiseziel schwarze Witwe, in: "Leben am seidenen Faden" (ein Fotoband mit ausführlichen Texten), C. Bertelsmann, 1975, S.37-43. Horst Stern suchte die schwarze Witwe auf Sardinien und erzählt sehr amüsant ihre Suche und Begegnung mit der Spinne, gespickt mit vielen Anekdoten (u.a. wie sie die Spinne mit Heuschrecken photographier-gefügig machten) und Informationen zu den Tieren. (Ihr findet es auch in meiner Bücherliste).

https://de.wikipedia.org bzw das Spinnenforum auf Wiki. Kompakter und einfacher hat man es bei "Wasistwas".

"Arcor" widmet der schwarzen Dame auch eine Seite, sowie auch die telekom. Wieso interessieren sich diese Unternehmen für die schwarze Lady? Ein Hinweis auf dunkle Machenschaften?

Auch der Focus interessiert sich für sie, aber nur am Rande. In erster Linie geht es hier um Einwanderinnen. Auch beim Stern geht es um Einwanderinnen, und da auch vor allem um die "falsche" Witwe.

 

Spinnenvideo

Ein Video über Spinnen, die schwarze Witwe wird kurz erwähnt, aber im Vordergrund stehen unsere in Deutschland beheimateten Spinnen. Sehr schön gemacht. (Über diesen Link kommt ihr übrigens gleich in meine Youtube-Playliste, in der ich weitere Tierdokus findet, die mir gefallen haben. Wenn ihr schöne Sendungen im Internet entdeckt, schreibt mir!)

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