Lebend gebärende Blattläuse

Anfang Juni ist mir plötzlich die Idee gekommen, meine inzwischen uralte Digitalkamera herauszukramen (noch vor 10 Jahren war es eine der teuersten Pocket-Digitalkameras auf dem Markt), weil sie hervorragende Makrofotos machte. Zumindest für eine Pocket Kamera. Ich dachte mir, es ist Frühling, draussen summt, brummt und zwitschert es, ich gehe einfach mal wieder auf die Suche nach schönen Fotos von kleinen Viechern. Nach Entstauben, Aufladen und nach dem Finden einer passenden SD Karte für die "alte" Canon Ixus 60 (sie lehnte alle modernen Karten über 1GB kategorisch ab), steckte ich sie auf gut Glück in meine Handtasche. Wer weiss, was einem so über den Weg läuft, fliegt, krabbelt.... vor dem Kleinkrämerladen (noch viel antiquarischer als meine alte Digitalkamera) in dem Kaff, in dem meine Kinder Klavierunterricht haben, stand ein wunderschöner, duftender Rosenbusch, und ich musste einfach unter die Blätter und in die Blüten sehen. Ich kann doch nicht die einzige sein, die diesen Blüten nicht widerstehen kann!

Nein, tatsächlich nicht! Kamera raus!

Erst beim Vergrössern des Fotos zu Hause stellte ich fest, dass der grossen Blattlaus winzige Blattläuse aus dem Hintern zu kommen scheinen. Wie gut, dass es Internet gibt. "Lebend gebärende Blattläuse" gab ich ein. Die erste Seite, auf die ich stiess (von 1843!), war noch antiquarischer als meine Kamera und sogar noch mehr, als der Krämerladen in dem kleinen Kaff vor dem der Rosenbusch stand. Eine Nostalgiertour, die ich heute mache...

Monographie der Familien der Pflanzenläuse (phytophthires).: Die ..., Band 1 von Johann Heinrich Kaltenbach. Hier ist der Link dazu, man kann die ganze Monographie dazu durchlesen. 1843

Es gibt also ovovivipare Blattläuse! Das heisst, die Eier reifen im Inneren der Tiere und schlüpfen im Inneren und kommen dann lebend heraus. Das ist etwas völlig anderes als vivipar - lebend gebärend - wie bei Menschen und anderen Säugetieren, die eine Gebärmutter haben, in denen die Embryonen heranreifen... die Ovoviviparen Tiere sind streng genommen Tiere, die Eier "haben". Aber sie werden nicht gelegt, sie bleiben im Inneren der Muttertiere und schlüpfen dort. Und wenn sie herauskommen, sieht es aus, als wären sie lebend geboren, wie bei Säugetieren. Ich weiss natürlich, dass es das gibt, kenne es von einigen Reptilien, v.a. von Schlangen, und von Haien, aber dass es das auch bei Insekten, Webspinnen, Sumpfdeckelschnecken und Schliessmundschnecken gibt, das wusste ich nicht. Ja, ich gebe zu, dass ich bisher auch nicht wusste, dass es Schliessmundschnecken und Sumpfdeckelschnecken gibt...

Aber wusstet ihr, dass Blattläuse noch mehr können? Nämlich jungfräulich zeugen? Parthenogenese, Jungfernzeugung, nennt man das im Tierreich. Die Weibchen brauchen nicht unbedingt Männchen zur Fortpflanzung, sie können auch Nachwuchs ohne männlichen Part bekommen, also unbefruchtet. Bei den Menschen konnte das bisher nur eine, bei den Blattlausfrauen können das alle. Allerdings kommen dabei immer nur Weibchen heraus (das ist das Ding mit den xx und xy Chromosen. Ihr erinnert euch schwach...). Maria hatte ihnen also doch was voraus...

Warum machen das Weibchen nicht immer so, man (frau) wäre dann doch die lästigen Männer endlich los!? Das wäre doch mega-praktisch.

Das hat wohl den Grund, dass das dem genetischen Material auf die Dauer nicht gut täte. Denn bei der Parthenogenese kommen im Prinzip "Klone" der Weibchen heraus - evolutionstechnisch bedeutende Veränderungen oder Durchmischung der Gene findet nicht statt. Es geht also wohl doch nicht ohne Männer... Mist.

Natürlich machen Blattläuse das nicht immer so. Sie können es nur... die Natur sieht eben selbst für dieselbe Art mehrere Möglichkeiten vor. Wie für den Menschen: Mono- oder polygam, hetero-, homo-, bi-, a- oder megasexuell. Kaiserschnitt, PDA, Wasser- oder natürliche Geburt. Bloss die ovopare Geburt, das haben die Menschen noch nicht hinbekommen. Wobei der Brutkasten dem schon recht nahe kommt...

Ach ja, vielleicht sollte ich noch erzählen, dass der Besitzer des Krämerladens, der mich beim Photographieren seiner Rosen beobachtete, mit einer scharfen Schere und einem Lächeln herauskam: "Sie können sich auch gern ein paar Rosen abschneiden, wenn Sie möchten. Sie müssen sie nicht photographieren!". Sollte ich ihm nun erklären, dass ich streng genommen nicht seine Rosen, sondern seine lebend- gebärenden Blattläuse photographierte? Ich habe mir dann dankend den Teil der Rose abgeschnitten, auf der die gebärende Blattlaus sass...

Natürlich stütze ich mich nicht nur auf den Text von 1843.

weiterlesen unter : http://de.wikipedia.org/wiki/Ovoviviparie ; Spektrum der Wissenschaft über lebendgebährende Haie, oder allgemein: http://www.enzyklo.de/Begriff/ovovivipar . Oder in eurem uralten Biologiebuch.